zum Inhalt springen

200 Jahre Wallrafs Wille – was bleibt?

Elisabeth Schläwe / Sebastian Schlinkheider

<1>

Die vorliegende Publikation verfolgte das Ziel, Wallrafs Testamente einer genaueren Analyse zu unterziehen und sie in ihren Entstehungskontexten zu betrachten. Dabei erschien es nur konsequent, nicht nur die Dokumente selbst zu beleuchten, sondern sich auch mit der Frage zu beschäftigen, welche Folgen Wallrafs Verfügungen in der Nachwirkung bis heute hatten. Dass Wallraf und seine vielfältigen öffentlichen Tätigkeiten bis in die Gegenwart hinein für die Stadt Köln und die Gestaltung ihres kulturellen Lebens eine bedeutende Rolle gespielt haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Wallraf selbst war diese Rolle gerade zum Ende seines Lebens hin offenbar stark bewusst – dies zeigen nicht nur die bilanzierende Eigencharakterisierung in seinem Testament von 1816, sondern auch die Zeilen, die er 1823 als Danksagung für die aufwendige Jubelfeier an seine Mitbürger richtete: „Möchte mir vergönnt seyn, in demselben Maße, womit meine Vaterstadt bei dieser Gelegenheit ihr Wohlwollen gegen meine Person aussprach, zur Erweiterung ihres Ruhmes und zur Anerkennung ihrer alten Würde beitragen zu können; so würde, meine mit manchen Aufopferungen verknüpfte Laufbahn mit jugendlicher Kraft von neuem zu beginnen, mein aufrichtigster, innigster Wunsch seyn.[1]

<2>

Dass Wallraf auch in seinem Nachleben eine hohe Wertschätzung zuteilwerden würde, war bereits am 18. März 1824, Wallrafs Todestag, deutlich zu erkennen. In den Trauerdekorationen und in der eindrucksvollen Zeremonie, die sein Begräbnis rahmte, wurde unterstrichen, in welch enger und organischer Verbindung Wallrafs Leben und Wirken mit der Geschichte der Stadt Köln betrachtet wurde – so wie es die Kontextualisierung von Wallrafs Leichnam durch eine Kölner „Ahnenreihe“ beispielhaft aufzeigt. Das professionell geplante Requiem im Kölner Dom mit der anschließenden Prozession durch die Stadt verdeutlicht die Anteilnahme eines großen Teiles der Bevölkerung. All diese Maßnahmen erscheinen noch bedeutungsvoller, wenn man bedenkt, dass die Verantwortlichen in der Gestaltung aufgrund der lückenhaften Verfügungen einen gewissen Spielraum hatten: Das Zeremoniell hätte also auch bescheidener ausfallen können.

<3>

In ähnlicher Weise begannen die schriftlichen Reaktionen auf seinen Tod, in der Presse und in der frühen Wallraf-Biographie des Schriftstellers Wilhelm Smets (1796–1848), an einer sehr frühen öffentlichen Einordnung von Wallrafs Stellenwert zu arbeiten. Mit einem hohen Maß an Idealisierung wurden dabei nicht nur die Errungenschaften des Hingeschiedenen mithilfe pathetischer Formulierungen unterstrichen, sondern früh begann auch ein Prozess, in dem die Stadt Köln sich ihrer eigenen Bedeutung via Wallraf vergewisserte und den Joachim Deeters bereits mit Blick auf die Jubelfeier unterstreicht: „In Wallraf feierte Köln seine eigene ruhmreiche Vergangenheit, die der Stadt erst durch den Gefeierten bewußt geworden war, und an der sie sich in der neuen, unfreundlichen preußischen Gegenwart aufrichtete.“[2]

<4>

Ein ganzes Team kümmerte sich nach Wallrafs Tod als Nachlassverwalter um die angemessene Erfüllung seiner Bestimmungen und nahm daher eine konkrete Vermittlungsposition zwischen dessen Gestaltungs- und Sammlungsaktivitäten gegenüber der Stadt Köln als universaler Erbin ein. Auf der Grundlage ihrer Arbeit konnte die weitere museale Verwendung der Sammlung Wallrafs überhaupt erst umgesetzt werden, da erst zu diesem Zeitpunkt eine vollends praktikable Übersicht der unterschiedlichen Sammlungsbestände angelegt wurde. Dass die Stadt das fertig inventarisierte Erbe schließlich im Mai 1826 annehmen konnte, ist ihren unermüdlichen – und im Detail sehr aufwendigen – Bemühungen zu verdanken und bildet den Ausgangspunkt der fruchtbaren Nachnutzung der Sammlung.

<5>

Ein gutes Jahr später, und damit bereits drei Jahre nach Wallrafs Tod, konnten die Pforten des Wallrafianum – zumindest in bestimmten Teilen – für das interessierte Publikum öffnen, womit Wallrafs lang gehegte und bereits zu Beginn seiner Sammeltätigkeit in Grundzügen erkennbare Pläne verwirklicht wurden, seine Sammlung der Öffentlichkeit zugutekommen zu lassen. Zwar hatte sich die ursprüngliche Fixierung auf eine schulische Nutzung deutlich zugunsten einer allgemeinen und ästhetischen Bildung verschoben, doch dies ermöglichte es gewissermaßen erst, dass das Wallrafianum bei seiner Eröffnung den umfassenden Charakter eines ersten städtischen Museums annehmen konnte. Das mit den finanziellen Mitteln aus der großzügigen Stiftung Johann Heinrich Richartz‘ (1796–1861) schließlich 1861 eröffnete Wallraf-Richartz-Museum konnte in den rund 80 Jahren seines Bestehens im Herzen der Stadt ein auch architektonisch geschlossenes Zeugnis davon ablegen, welchen Stellenwert das Wirken Wallrafs für Kölns Öffentlichkeit eingenommen hatte.

<6>

Dieses erste Wallraf-Richartz-Museum wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört: Heute befindet sich Wallrafs Sammlung in ihrer charakteristischen Zergliederung in unterschiedlichen Einrichtungen, je nach thematischer und materieller Kategorie. Häufig wird dabei übersehen, dass auch schon zu Wallrafs Zeit die Sammlungsbestände keineswegs lediglich zentral in der Dompropstei aufbewahrt worden waren, sondern vielmehr mehrfach ins ehemalige Jesuitenkolleg oder andere Orte der Stadt ausgelagert wurden. Bis heute ist die Sammlung, wenn auch wiederum ohne gemeinsames Dach und bisweilen ohne offen erkennbaren Bezug zu ihrem Stifter, ein selbstverständlicher Grundbestandteil der Kölner Museumslandschaft.

<7>

Es lässt sich daher zum Schluss die Frage stellen, ob Wallrafs Wille in den vergangenen 200 Jahren angemessen umgesetzt worden ist. Einerseits lässt sich eine solche Frage sicher gut begründet bejahen: Das bis heute vielfältige Kulturleben Kölns ist eindeutig durch seinen Impuls bereichert worden. Obwohl sich dieses seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unabhängig von Wallraf durch die einerseits einschneidenden Beschädigungen und andererseits bereichernden Einflüsse vor allem des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt hat, zehrt die Stadt noch immer vielfach von seiner Grundlegung. Dass Köln in den 200 Jahren seit Wallrafs drittem Testament als ein attraktiver und verdichteter Museumsstandort begründet werden konnte, wurde sicherlich auch durch den expliziten und impliziten Druck befördert, den Wallraf durch seine Aktivitäten und Verhandlungen, seine öffentliche Wertschätzung und schließlich die erfolgreiche Schenkung der Stadt auferlegt hat.

<8>

In gewissen Bereichen muss man die Frage allerdings ebenso sicher verneinen: Zunächst konnten nicht alle Gegenstände im gleichen Maße in Wallrafs Geiste weiterverwendet werden – dafür war sein Sammelinteresse viel zu heterogen und teilweise auch aus Sicht der Zeitgenossen ebenso wie der Nachwelt zu wenig professionalisiert; eine inhaltliche oder konservatorische Einheit konnte Wallraf den Nachlassverwaltern und den museal oder archivalisch mit seiner Sammlung beschäftigten Personen nicht bieten. Zur Geschichte der Sammlung Wallraf gehört es zudem auch, dass es nach zunächst zögerlicher Diskussion immer wieder zu Veräußerungen der Sammlungsbestände gekommen ist, meist mit der Begründung, die so gewonnenen Mittel ließen sich in Wallrafs Sinne zur Verbesserung und Vermehrung der Sammlung einsetzen.[3] Hätte Wallraf der langanhaltende museale Stellenwert seiner Hinterlassenschaften einerseits sicher mehr als gefreut, wäre er andererseits gerade damit gewiss gar nicht einverstanden gewesen, gerade vor dem Hintergrund seines in diesem Punkt doch recht eindeutigen Testaments von 1818.[4]

<9>

Doch abseits von diesen beiden Extrempunkten einer möglichen Antwort auf die Frage, inwiefern die konkrete museale Nachnutzung Wallrafs Erbe gerecht werden konnte und kann, gilt aus der Perspektive einer geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung, dass es bis heute bereichernd ist, Fragen nach Wallrafs Zielen zu stellen. Diese scheinen besonders deutlich in den unterschiedlichen „letzten Willen“ auf und können im Zusammenhang ebenso mit seinem zeitgenössischen Wirken wie mit seiner posthumen Wirkung näher betrachtet werden. Die vielfältigen, teilweise bis heute kaum ausführlicher in die Betrachtung einbezogenen Zeugnisse spornen noch heute zur Erschließung und genaueren Untersuchung an; zum einen im Gestus der Würdigung eines einflussreichen und nachhaltigen öffentlichen Lebens, zum anderen aber zugleich mit dem Bewusstsein, die Quellen auf ihre menschlichen Facetten und Widersprüche hin zu befragen, um das vielfach idealisierte Bild des „Erzbürgers“ an den richtigen Stellen relativieren und dabei bereichern zu können. Die Testamente bilden zu diesem Unterfangen einen sinnvollen Ausgangspunkt, was diese Publikation nicht nur mit den Analysen und Kontexte bietenden Textbeiträgen, sondern auch mit der Bereitstellung der Quellenzeugnisse zu unterstreichen versucht hat. Wenn diese Überlegungen und die Quellenpublikation zum genaueren Studium der Vorstellungen Wallrafs, zur Würdigung seines Wirkens aber auch zur kritischen Untersuchung und Annäherung an seine Person Anlass bieten, dann hat die Publikation ihr Ziel erfüllt – und sicher wären die fortgesetzten und produktiven Auseinandersetzungen mit seiner Sammlung auch im Köln des 21. Jahrhunderts ganz in Wallrafs Sinne gewesen.


Anmerkungen

[1] Kölnische Zeitung, Nr. 120, 29. Juli 1823; vgl. auch den Wiederabdruck in Wilhelm Smets, Ferdinand Franz Wallraf. Ein biographisch-panegyrischer Entwurf, Köln 1825, S. 80.

[2] Joachim Deeters (Bearb.), Ferdinand Franz Wallraf. Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln vom 5. Dezember 1974 bis 31. Januar 1975 (Ausstellungskatalog), Köln 1974, S. 95.

[3] Vgl. Elga Böhm, Was ist aus Wallrafs Sammlung geworden?, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 36 (1974), S. 229–272, hier: S. 245–248 und Deeters, Ausstellung (wie Anm. 2), S. 93.

[4] Vgl. die ähnliche Einschätzung Hiltrud Kier, Das Kölner Museum zwischen Trikolore und Preußenadler, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder, Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, S. 9–23, hier: S. 20f.

Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Schläwe / Sebastian Schlinkheider, 200 Jahre Wallrafs Wille – was bleibt?, aus: Dies., Letzter Wille mit großer Wirkung – Die Testamente Ferdinand Franz Wallrafs (1748–1824) (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00003), in: mapublishing-lab, 2018,
URL: http://wallrafswille.mapublishing-lab.uni-koeln.de/beitraege/fazit-200-jahre-wallrafs-wille/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 16.05.2018
Zuletzt geändert: 14.06.2018